• Jan 07, 2026

Wie die „gefühlte Temperatur“ berechnet wird

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Die „gefühlte Temperatur“ (auch apparent temperature) ist der Versuch, Wetterbedingungen in eine Zahl zu übersetzen, die beschreibt, wie warm oder kalt es auf unbedeckter Haut typischerweise wirkt. Das ist keine direkte Thermometer-Messung: Es ist ein berechneter Wert, der meist Lufttemperatur mit Luftfeuchte und/oder Wind kombiniert.

In den meisten Vorhersagen und Wetter-Apps wird die gefühlte Temperatur je nach Lage mit einem von zwei Indizes berechnet:

1) Wenn es kalt ist: Windchill

Wind beschleunigt den Wärmeverlust der Haut, weil er die dünne isolierende Schicht aus wärmerer Luft direkt am Körper stört. Deshalb kann sich ein windiges 0°C kälter anfühlen als ein ruhiges 0°C.

Eine weit verbreitete Formel ist der NWS/Environment Canada Windchill-Index (Lufttemperatur in °C, Windgeschwindigkeit in 10 m Höhe in km/h):

WCI = 13.12 + 0.6215T - 11.37V^0.16 + 0.3965TV^0.16

Dabei gilt:

  • T ist die Lufttemperatur in °C
  • V ist die Windgeschwindigkeit in km/h

Hinweise:

  • Windchill ist für kühle/kalte Temperaturen und spürbaren Wind gedacht (nicht für Windstille).
  • Unterschiedliche Dienste nutzen teils leicht andere Schwellen, ab wann Windchill angewendet wird.

2) Wenn es heiß ist: Hitzeindex (Temperatur + Feuchte)

Bei hoher Luftfeuchte verdunstet Schweiß langsamer. Verdunstung ist einer der wichtigsten Kühlmechanismen des Körpers – wenn sie schlechter funktioniert, fühlt sich die Hitze stärker an.

In den USA verwenden viele Produkte den NWS-Heat-Index, häufig auf Basis der Rothfusz-Regression (Temperatur und relative Luftfeuchte). Andere Länder zeigen z. B. den Humidex (Kanada) oder andere Formeln für die gefühlte Temperatur – die Idee ist aber dieselbe: Wärme und Feuchte kombinieren, um menschliches Unbehagen zu approximieren.

Hinweise:

  • Heat-Index-Formeln werden meist erst oberhalb eines Wärmeschwellenwerts angewendet (oft etwa 27°C / 80°F).
  • In sehr trockener Luft kann sich „gefühlt“ kühler anfühlen als die Lufttemperatur, weil Schweiß effizient verdunstet.

Warum verschiedene Quellen nicht immer übereinstimmen

Die gefühlte Temperatur ist keine universelle Einheitszahl. Zwei Apps können unterschiedliche Werte anzeigen, weil sie:

  • Unterschiedliche Indizes verwenden (Heat Index vs Humidex vs andere).
  • Unterschiedliche Windmittelungen annehmen (Böen vs Mittelwind, Messhöhe, Stations-Exposition).
  • Sonnenstrahlung und Bewölkung einbeziehen oder ignorieren.
  • Unterschiedliche Rundungs- und Schwellenregeln nutzen („Windchill unter X“, „Heat Index über Y“).

Was die „gefühlte Temperatur“ nicht abbildet

Selbst korrekt berechnet erfasst sie meist nicht vollständig:

  • Kleidung und Aktivität (laufen vs stillstehen).
  • Sonnenstand und direkte Strahlung (ein sonniger Wintertag kann milder wirken als Windchill vermuten lässt).
  • Schatten vs Sonne, nasse Haut und lokale Windabschirmung.

Praktisch gedacht

Nutze die gefühlte Temperatur als schnellen Komfort-/Risikohinweis, nicht als Ersatz für die echte Lufttemperatur:

  • Für Kälterisiko: Wind + Lufttemperatur prüfen (Windchill-Bedingungen).
  • Für Hitzestress: Feuchte + Temperatur prüfen (Heat Index / Humidex) und Sonneneinstrahlung berücksichtigen.